KAPITEL 1. Phantomschmerzen: Ein Leben auf dem Boden historischer Erinnerung

Das erste Kapitel meines zukünftigen Buches.

6/2/20266 min read

Vor zwanzig Jahren kam ich mit meinen Eltern in dieses Land. Seit vierzehn Jahren diene ich hier als Rabbiner. In dieser Zeit, so sollte man meinen, hätte ich tief in dieser Erde Wurzeln schlagen, mich an ihre tadellosen Regeln gewöhnen und mein ideales Gleichgewicht finden können. Doch die Realität sieht anders aus. Das Leben eines Migranten – und umso mehr das eines orthodoxen Juden in Deutschland – ist komplexer gestrickt. Die Vergangenheit verschwindet hier nie spurlos. Sie schlummert direkt unter unseren Füßen, verbirgt sich hinter gepflegten Fassaden und höflichem Lächeln und kann im unerwartetsten, friedlichsten Moment erwachen. Um Ihnen zu erklären, wie genau dieses Leben von innen heraus aussieht und warum ich mich überhaupt entschlossen habe, dieses Buch zu schreiben, muss ich Ihnen von einem ganz bestimmten Abend erzählen.

Ich bin ein begeisterter Wanderer. Wir haben das Glück, im Schwarzwald zu leben, genauer gesagt in Baden-Baden, wo zwanzig bis dreißig Minuten Fußmarsch genügen, um die Hektik der Stadt hinter sich zu lassen und in die Stille bewaldeter Hügel einzutauchen.

An jenem Tag beschlossen wir, einen ausgiebigen Familienausflug zu machen. Unser Ziel war ein besonders malerischer Ort, von dessen Gipfel aus man beobachten kann, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet und die weitläufigen Weinberge in ein tiefes Purpur taucht. Wir liefen diesem Sonnenuntergang entgegen, in freudiger Erwartung eines friedlichen Abends. Doch kurz vor dem Gipfel begegneten wir auf dem Weg einem älteren deutschen Ehepaar mit Hund.

Nach all den Jahren in Deutschland ertappe ich mich immer noch bei dem Gedanken, dass es mir schwerfällt, den sozialen Status der Einheimischen auf Anhieb einzuschätzen. Das mag daran liegen, dass ich nie wirklich engen Kontakt zu Deutschen hatte – meist beschränkte es sich auf berufliche Begegnungen oder höflichen, unverbindlichen Small Talk. Aber diese beiden waren sichtlich „wohlhabend“ gekleidet. Nicht protzig, nein, aber die Qualität der Stoffe verriet sie. Mit Textilien kenne ich mich berufsbedingt aus – es ist Teil meiner rabbinischen Arbeit, Kleidung auf Schatnes (das biblische Verbot, Wolle und Leinen zu mischen) zu prüfen. An der Art, wie der Faltenwurf ihrer Mäntel und Jacken fiel, erkannte ich sofort: Vor uns standen wohlhabende, respektable Leute.

Sie wurden von einem mittelgroßen Hund begleitet – rein äußerlich recht gutmütig, aber äußerst unruhig. Ich selbst habe keine Angst vor Hunden. Einst, in einem früheren Leben, hatte ich sogar selbst einen amerikanischen Cocker Spaniel – tiefschwarz, unglaublich verfressen und quirlig. Wir konnten ihn bei unserem Umzug nicht mitnehmen, und höchstwahrscheinlich ist er aus Langeweile und Sehnsucht nach uns gestorben. Bis heute schmerzt es mich, an ihn zu denken.

Übrigens ist dies genau der Grund, warum jüdische Gelehrte und Rabbiner davon abraten, Hunde ohne einen praktischen Nutzen – etwa als Wachhund – zu halten. Ein Mensch, der einem Tier seine Zeit, seine aufrichtigen Gefühle und seine emotionale Wärme widmet, bindet sich unweigerlich an es und vermenschlicht es. Und wenn das Haustier stirbt (denn die Lebensspanne von Hunden ist kurz), erlebt der Mensch eine tiefe persönliche Tragödie. Die Tradition betrachtet dieses emotionale Leiden in gewissem Sinne als überflüssig, als künstlich. Das menschliche Herz ist dafür geschaffen, mit anderen Menschen mitzufühlen; diese Ressource an Tiere zu verschwenden und sich selbst in Trauer zu stürzen, gilt spirituell als nicht zielführend.

Doch zurück auf unseren Pfad im Schwarzwald. Meine Kinder haben im Gegensatz zu mir panische Angst vor Hunden. Alles begann mit meiner ältesten Tochter: Als sie etwa drei Jahre alt war, rannte auf einem Spielplatz eine riesige Bulldogge auf sie zu und leckte ihr im Überschwang ihrer Zuneigung quer durchs Gesicht. Das Kind erlitt einen schweren Schock. Seitdem ist diese Angst irrational und unüberwindbar geworden, und unweigerlich hat sie diese auf ihre jüngeren Geschwister übertragen. So sehr wir auch versuchten, als Eltern daran zu „arbeiten“ – nichts half.

Und nun das Bild: Ein stiller Abend, Weinberge, und ein fremder, unangeleinter Hund stürmt im vollen Tempo auf uns zu. Meine Kinder erblassen im Bruchteil einer Sekunde, fangen an zu weinen, geraten in Panik und klettern buchstäblich auf den Kinderwagen, um sich vor der „Bedrohung“ in Sicherheit zu bringen.

Der Zusammenprall zweier Welten

Die meisten Konflikte in unserem Leben entspringen polaren, sich gegenseitig ausschließenden Erwartungen. Es ist reine Physik: Feuer trifft auf Wasser. Meine Welt war in dieser Sekunde streng und eindeutig geordnet: Ein Hund ist ein Tier, eine potenzielle Gefahrenquelle, und im öffentlichen Raum gehört er an die Leine. Die Welt des deutschen Ehepaars war anders beschaffen: Ihr Hund „will doch nur spielen“ und „beißt nicht“, wozu also die Aufregung?

Ich wies sie zurecht. Ziemlich scharf sogar, denn meine Kinder weinten bereits. Als Antwort begannen die älteren Herrschaften... einfach zu lachen. In ihren Augen bot sich ihnen eine amüsante Szene: Eine Großfamilie fürchtet sich vor ihrem niedlichen Hund.

Dieses Lachen ließ mich innerlich explodieren. Eine Welle dumpfer, rasender Empörung im Namen meiner weinenden Kinder überrollte mich. „Haben Sie eigentlich gar keine Gefühle?!“, rief ich.

Es entbrannte ein grober, schneller Wortwechsel. Anstatt auch nur einen Funken Mitgefühl zu zeigen oder sich wenigstens zu entschuldigen, ging das Paar augenblicklich in eine undurchdringliche Verteidigungshaltung über. Sie beriefen sich auf die urdeutsche Bastion der „Regeln“. Von oben herab begannen sie, mir juristisch fundiert ihr Recht zu erklären, sich genau hier und genau so aufzuhalten, und ignorierten den menschlichen Kontext der Situation völlig.

Und hier beging ich einen Fehler, an den ich nur mit schwerem Herzen zurückdenken kann. Im Eifer des Gefechts schrie ich ihnen ins Gesicht: „Sie sind doch einfach nur Nachkommen von Nazis!“ Sie blieben mir die Antwort nicht schuldig und feuerten zurück: „Und Sie sind ein primitiver Mensch.“

In der Diskurstheorie gibt es das sogenannte Godwin-Gesetz (Godwin’s Law). Es besagt: Sobald eine der Parteien in einem Streit dazu übergeht, den Gegner mit Hitler oder den Nazis zu vergleichen, ist die Diskussion beendet. Wer diesen Satz ausspricht, hat automatisch verloren.

Mit dem Abstand der Jahre ist mir völlig klar: Ich war faktisch vollkommen im Unrecht. Mein Ausruf war nicht bewusst gewählt. Es war kein durchdachtes Argument. Es war etwas ganz anderes – etwas Totes, Schweres und Erschreckend Mächtiges, das tief in jedem von uns sitzt. Der Boden unter meinen Füßen, die Luft dieses jahrhundertealten Waldes, die deutsche Sprache um mich herum und das bittere Gefühl der Ungerechtigkeit schlossen in einer einzigen Sekunde den Stromkreis der historischen Erinnerung. In dieser Sekunde sprach nicht ich – es sprachen die Phantomschmerzen und die Angst der Generationen, die hinter mir standen.

Der Aufstieg zum Gipfel

Wir gingen getrennte Wege. Sie zogen weiter mit ihrer „Rechthaberei“ und ihrem folgsamen Hund, und wir begannen unseren vierzigminütigen Aufstieg zur Kuppe des Hügels.

Diese vierzig Minuten waren die schwersten des gesamten Spaziergangs. Ich brauchte die volle Zeit, Schritt für Schritt, um auch nur meinen Atem zu beruhigen und das Feuer in mir zu löschen. Und mit jedem Schritt pochten schmerzhafte Fragen in meinem Kopf.

Wie konnte ich, ein Mann, dessen Berufung es ist, andere in der Beherrschung ihrer Emotionen zu unterweisen, dem Zorn so leicht nachgeben? Wen habe ich in diesem Moment eigentlich beschützt – meine Kinder vor einem herannahenden Hund oder meine eigene, unsichtbare, aber immer noch schmerzende innere Wunde? Indem ich diese Menschen „Nachkommen von Nazis“ nannte, habe ich da nicht genau das getan, wogegen ich mein ganzes Leben lang ankämpfe – habe ich ihnen nicht ihre Individualität genommen und ihnen ein kollektives Etikett angeheftet?

Der Schwarzwald versteht es, durch seine Stille zu heilen, doch an jenem Abend erschienen mir selbst die atemberaubenden, in sanftes Abendrot getauchten Weinberge wie die Kulisse für ein inneres Tribunal. Ich blickte auf diese unglaubliche Schönheit, für die wir diesen ganzen Weg auf uns genommen hatten, und erkannte, wie leicht blinder Zorn den wunderbarsten Moment vergiften kann. Ich hatte meine Kinder vor dem Hund beschützt, aber ich hatte sie nicht vor meiner eigenen Wut schützen können.

Die wahre Nachbesprechung fand erst zu Hause am Esstisch statt. In unserer Familie ist es nicht üblich, schwierige oder beschämende Momente totzuschweigen. Wir sprachen lange und tiefgründig und zerlegten das Geschehene in all seine Einzelteile. Meine Frau und die Kinder hörten nicht nur zu – sie suchten gemeinsam mit mir nach der Wahrheit.

Wo verläuft diese unsichtbare Grenze zwischen dem gerechten Unmut eines Vaters und zerstörerischer Wut? Muss ein Rabbiner als öffentliche Person der Gemeinde über jeder alltäglichen Provokation stehen, oder hat er das Recht auf Schwäche? Und das Wichtigste: Sind wir als Juden in Deutschland verpflichtet, die Rüstung der historischen Erinnerung jeden Tag zu tragen, oder fängt diese Rüstung irgendwann an, uns selbst zu ersticken?

Dieses familiäre Gespräch lehrte mich eine wichtige ethische Lektion: Unsere Fehler – wenn wir den Mut aufbringen, sie einzugestehen und ehrlich mit unseren Liebsten zu diskutieren – werden für unsere Kinder zu einem weitaus stärkeren Lehrstück in Sachen Menschlichkeit als jede trockene Predigt über Rechtschaffenheit. Der Konflikt auf dem Schwarzwaldpfad lag nun hinter uns, doch er hatte die dünne Haut der Alltäglichkeit abgezogen und die zentrale Aufgabe freigelegt, der sich jeder Migrant stellen muss: Wie lernt man, auf dem Boden seiner eigenen Vergangenheit zu leben, ohne seine Gegenwart in einen endlosen Krieg mit Geistern zu verwandeln?

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